D I E   Z E I T U N G   F Ü R   D I E   I N S E L

13. JG, Tel. 0 38 38 / 80 99-0 2. April - 8. April 2003 unabhängig - überparteilich

Rügener Bauern: "Verfehlte Agrarpolitik..."

Problematisch: Geringere Preisausgleichszahlungen und Erzeugerpreise
sowie Erhöhung der Betriebskosten


Von Wolfgang Urban

Rothenkirchen.
Am vergangenen Freitag in Rothenkirchen. Neugierig nähere ich mich der im Jahr 2000 errichteten Putenmastanlage. Da erschallt eine freundlich-resolute Frauenstimme aus dem nahe gelegenen Bürogebäude: "Nicht weiter!" So erfahre ich, dass es seit Ausbruch der Geflügelpest in Holland betriebsfremden Personen verboten ist, die Stallanlagen zu betreten.

"Noch gibt es zum Glück keinen Fall von Geflügelpest auf Rügen", erklärt später Dr. Manfred Möller, Vorsitzender der APV (Agar-, Produktions- und Vertriebsgesellschaft e.G.). Aber notwendige Vorsichtsmaßnahmen wurden getroffen. Da die Geflügelpest u.a. von Zugvögeln übertragen wird, dürfen zur Zeit auch die Tiere in der Rothenkirchener Putenmastanlage nicht den Stall verlassen.

"Es gibt eine verfehlte Wirtschafts- und Agrarpolitik!" Das ist die übereinstimmende Meinung von Dr. Manfred Möller (links), Vorsitzender der APV (Agrar-, Produktions- und Vertriebsgemeinschaft e.G.), Jens Harder (Mitte), Betriebsleiter der auf Pflanzen- und Milchproduktion spezialisierten Harder GbR und Lothar Püschel (Mitte), Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes Rügen. Im Hintergrund sind die Futterbehälter der Putenmastanlage der Rügener Getreide- und Dienstleistungs GmbH zu sehen.

Foto: Urban

Die Geflügelpest ist also glücklicher Weise kein akutes Problem auf Rügen. Hier gilt es nur, die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten. "Unser gegenwärtiges Hauptproblem", so Dr. Möller, "ist der geringe Preis, den wir als Erzeuger für unsere landwirtschaftlichen Produkte, vor allem für die Milch, erhalten. Vor einem Jahr bekamen wir noch 31,5 bis 32 Cent je Kilogramm Milch heute sind es 28,5 bis 29,5 Cent."

"Im Gegenzug sind die Betriebsmittelpreise um ca. 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen," ergänzte Jens Harder von der Harder GbR im Rothenkirchener Gespräch über die Agrarpolitik. Harder verwies als Beispiel auf die Kosten für den Diesel-Preis: "Der Brutto-Preis ist im Verlauf eines Jahres von 76,5 Cent auf 89,3 Cent gestiegen. Es ist absehbar, dass die Schere zwischen den Erzeugerpreisen und den Betriebsmittelpreisen noch weiter auseinandergeht."

Zusätzlich zu diesem Problem der Kostenentwicklung müssen die Landwirte weitere Einkommensverluste durch die am 1. Januar 2003 eingeführte "nationale Modulation" hinnehmen. "Modulation", so Jens Harder, "bedeutet eigentlich nicht mehr als eine Kürzung der uns zustehenden Preisausgleichszahlungen." Für die APV heißt dies laut Dr. Möller ganz konkret, dass der Betrieb im Jahr 2003 einen Einnahmeverlust durch geringere Preisausgleichszahlungen von ca. 20.000 Euro zu verkraften hat.

"Im ganzen Land," so Jens Harder, "gehen den Bauern in diesem Jahr allein durch die eingeführte nationale Modulation Preisausgleichzahlungen in Höhe von 7,5 Mio Euro verloren." Dr. Möller: "Geringere Preisausgleichszahlungen und geringere Erzeugerpreise sowie die Erhöhung der Betriebskosten, u.a. durch die Ökosteuer, haben dazu geführt, dass sich die APV in diesem Jahr entschließen musste, weitere fünf Arbeitskräfte zu entlassen."

Keine Negativbilder: Einfach die Wahrheit!

Wie vorstehend geschildert, gab es in Rothenkirchen ein Gespräch zum Thema Agrarpolitik.

Überraschungsvisite in einer Stallanlage

Bei der Verabredung zu dem Gespräch konnte der Vorsitzende der APV (Agrar-, Produktions- und Vertriebsgesellschaft) nicht ahnen, dass ich in die Stall-anlagen wollte. Das wusste ich zuvor nicht einmal selbst. Aber das Gespräch war so interessant, dass plötzlich der Wunsch nach einer Besichtigung der Anlagen entstand. Dr. Möller hatte kein Problem damit.

Ich konnte schauen, wohin ich wollte, und so entstanden die Fotos nebenan. Sie künden von einer tierartgerechten Haltung in einem Landwirtschaftsbetrieb auf Rügen, in dem es auch ohne Bio- oder Ökoprädikate ein verantwortungsvolles Handeln gibt.

Wachsende Belastungen

Dabei haben Betriebe wie die APV durch geringere Preisausgleichszahlungen und geringere Erzeugerpreise sowie eine Erhöhung der Betriebskosten wachsende Belastungen zu verkraften gehabt.

Bild links: Kurz vor diesem Foto schmusten die beiden Kälber im Sonnenschein im Auslauf Rothenkirchen. Bild Mitte: Auch im Innern der Stallanlage Stroh für die Tiere und das nicht nur für die Jüngeren. In den Ställen gibt es eine durchgängige Laufstallhaltung vom Kalb bis zur Kuh. Angebundene Tiere sieht man also nicht mehr. Bild rechts: Diese Kälbe machen es sich im Inneren des Stalles gemütlich.

Fotos (5): Urban

Einig waren sich die Landwirte in der Rothenkirchener Gesprächsrunde in der Feststellung: "Wir können die wachsenden Belastungen nur durch Produktivitätssteigerungen oder eine Erweiterung der Betriebe auffangen. Letzteres bedeutet nicht, mehr Arbeitskräfte einzustellen, sondern mit den vorhandenen Leuten ein breiteres Geschäftsfeld abzudecken."

Wachsende Menge Milch pro Kuh und geringere Milchproduktion auf Kreisebene

Im Gespräch verdeutlichte Jens Harder Entwicklungsprobleme am Beispiel der Milchproduktion in Rappin. Vor der Wende erzeugte die dortige LPG 1,1 Mio Liter Milch im Jahr: "Das bedeutete damals Arbeit für etwa 30 Leute. Jetzt werden für die gleiche Milchmenge nur noch drei Arbeitskräfte benötigt.

Möglich wurde dies durch den Neubau eines Stalles, in dem sich leistungsfähigere Tiere und modernste Melktechnik befinden. Während vor der Wende 3.500 Liter Milch pro Kuh und Jahr produziert wurden, ist es jetzt mit fast 9.000 Litern rund das Zweieinhalbfache." Diese Milchleistungssteigerung pro Kuh steht dabei im krassen Widerspruch zu der heutigen Gesamtleistung an Milch im Kreis Rügen.

Kaum vorstellbar: Den Landwirten wird - trotz dieser Art der Tierhaltung - das Leben immer schwerer gemacht. Dieses Kalb erlebt auch in einer nicht mit Öko- und Bioprädikaten versehenen Anlage einfach eine ganz artgerechte Tierhaltung mit Freiluft und Sonnenschein auf Rügen.

"Die Milchlieferung insgesamt hat sich gegenüber 1992 um 23 Prozent verringert.", betonte Dr. Möller im Gespräch: "Verursacht wird dies dadurch, dass die Milchproduktion trotz der Leistungsentwicklung nicht immer rentabel ist. Das gilt auch insgesamt für die Veredlung. 1990 hatten wir noch 84.000 Schweine auf Rügen und 2002 waren es noch rund 6.500."

Die Tendenz der letzten 10 Jahre besteht darin, dass immer mehr Betriebe die Veredlung aufgeben und nur noch im Ackerbau tätig sind. Das hat zur Folge, dass es immer weniger Arbeitskräfte in der Landwirtschaft gibt."

Immer weniger Arbeitskräfte

"Während im Jahr 1990 im Kreis Rügen ca. 8.500 bis 9.000 Arbeitskäfte in der Landwirtschaft tätig waren", so Lothar Püschel, "sind es heute nur noch rund 1.000."


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