Prora 03 vor der Pleite
Landesregierung "darf" Defizit der Großveranstaltung
ausgleichen
Von Christian Niemann
Köln / Schwerin / Prora. Was wird aus Prora (03). Ein Feriencamp im
Jahr 2005, eine Jugendherberge oder gar nichts? Diese Frage muss man sich
angesichts der finanziellen Lage des Vereins "Prora 03" stellen.
Denn laut Angaben des Vereinsvorsitzenden Hinrich Kuessner gegenüber
dem RÜGANER ist ein Defizit in Höhe von 300.000 Euro aufgrund
des Jugendevents im August vorhanden.
Sollte dieses Loch nicht durch finanzielle Mittel gestopft werden
können, dann wird der Verein Konkurs anmelden müssen. Und das
zuständige Gericht wird dann entscheiden, ob das Insolvenzverfahren
eröffnet wird oder nicht. Falls nicht genügend
Vereinsvermögen vorhanden sein sollte, muss sich der Verein
"Prora 03" auflösen.
Hinrich Kuessner im rüganer-Gespräch: "Ich habe Fehler
gemacht. Durch Fehlplanungen im Sicherheitskonzept konnten nur 12.500
Jugendliche auf das Gelände gelassen werden und nicht wie geplant
15.000. So wurden Mindereinnahmen erzielt. Die gesamten Vorbereitungen
haben insgesamt 1,4 Millionen Euro verschlungen.
Das ist verhältnismäßig wenig für eine solche
Großveranstaltung", so Kuessner weiter. "Trotzdem ist Prora
03 ein großer Erfolg für das Land. Es wurde von allen gewollt
und nun wird sich auf der morgigen Vereinssitzung entscheiden, ob es ein
weiteres Prora 03 in den kommenden Jahren geben wird oder nicht." Das
Defizit soll nach Möglichkeit von der Landesregierung ausgeglichen
werden.
Prora 03 mit Folgen
"Das in dem Abschlussbericht genannte Defizit in Höhe von 469.300
Euro ist bereits erheblich reduziert worden, etwa durch Nachverhandlungen
zu einzelnen Leistungen, zwischenzeitlich eingegangene Sponsorenleistungen
und Eigenbeiträge von Vereinsmitgliedern in fünfstelliger
Größenordnung.
Die Vereinsführung geht davon aus, dass sich das Defizit bis zur
Mitgliederversammlung weiter reduzieren wird. Bei den noch offenen
Rechnungen handelt es sich im Wesentlichen um eine große Rechnung des
THW sowie um Schlussraten einiger Firmen, zu denen noch Nachverhandlungen
laufen", so Projektleiter Claus Wergien in einer der Redaktion
vorliegenden Pressemitteilung.
Weiter heißt dort: "Den Vorwurf, dass die Veranstalter sehenden
Auges in die Katastrophe gesteuert seien, wies der Vorsitzende des Vereins,
der frühere Landtagspräsident Hinrich Kuessner, energisch
zurück. Die vor Beginn des Abschlussevents absehbare Unterdeckung von
140.000 Euro sei beherrschbar gewesen. Ausgaben habe man erheblich von
ursprünglich über zwei Millionen Euro auf 1, 3 Millionen
gekürzt.
Außerdem habe man bis zuletzt mit zusätzlichen Beiträgen
von Sponsoren rechnen können. Vor allem aber hätte man das Event
vor der Sommerpause nicht ohne noch größeren Schaden absagen
können. Denn die mit Unterstützung der Deutschen Kinder- und
Jugendstiftung und mit Fördermitteln des Landes finanzierte Kampagne,
mit der Jugendliche zur Teilnahme an Wettbewerben und Vorbereitung von
Projekten aufgefordert wurden, lief seit Beginn des Schuljahres.
Prora 03 hätte nicht stattfinden dürfen
Ohne Abschlussveranstaltung wäre der Zweck dieser Veranstaltung nicht
erreicht worden und die Fördermittel hätten zurückgezahlt
werden müssen. Bei einer Absage hätte man einen sicheren Schaden
von deutlich annähernd einer Million Euro ohne jeden Erfolg in der
Sache gehabt. Die tatsächliche Differenz zwischen Plan und Ist wurde
erst nach der Veranstaltung erkennbar.
Hinrich Kuessner: "Wir werden in der Mitgliederversammlung detailliert
berichten, wie weit das Defizit reduziert werden konnte und wir werden auch
über Verantwortlichkeiten sprechen. Ich bin zuversichtlich, dass wir
es schaffen, das Defizit soweit zu verringern, dass wir beim Land mit
Anstand antreten und um eine Nachbewilligung bitten können.
Ich hoffe sehr, dass es gelingt, die bisherige breite Bereitschaft zur
Unterstützung dieses Projekt aufrecht zu erhalten. Der derzeit
laufende Architektenwettbewerb wird auch Fortschritte in der Entwicklung
von Prora geben. Denn durch dieses Event sind einige neue Projekte ins
Rollen gekommen und werden auch heute noch weiter geführt", so
Kuessner.
Im Gespräch ist auch eine Jugendherberge im Block 5. Dafür
sammelte der RTL-Spendenmaraton am vergangenen Donnerstag und Freitag. Er
geht über eine Dauer von 24 Stunden. Er bezieht sämtliche Formate
im RTL-Programm ein. Damit werden alle Zuschauer erreicht und animiert zum
Spenden. Er aktiviert die Stars des Senders für die gute Sache , am
Spendentelefon, auf der Bühne wie auf der Straße.
Damit möglichst viele Spenden gesammelt werden können. Für
Unterstützung für die Jugendherberge in Prora sorgten Christina
Rau und Nadja Auermann. Weil rund 4.000 junge Menschen jedes Jahr das Land
Mecklenburg-Vorpommern verlassen, möchte die "Stiftung RTL"
darum das Vorhaben "Prora03 - Die Jugendherberge"
unterstützen. Prora ist eine ehemalige "Kraft durch
Freude"-Anlage, eine riesige Bauruine aus Nazi-Zeiten.
Die Bauarbeiten sind aufgrund des Krieges nie abgeschlossen worden.
"Block 5" soll zu einer Jugendherberge mit 850 Betten umgebaut
und von jungen Menschen eigenverantwortlich betrieben werden. Damit wird
Arbeit geschaffen und gleichzeitig werden junge Menschen aus ganz Europa in
die Region gezogen, denn es sind zahlreiche andere Aktivitäten
geplant: Theaterprojekte, Ausstellungen, der Betrieb eines
Literaturcafés sowie Sportmöglichkeiten.
Schon einmal wurde durch die "Stiftung RTL" ein Projekt auf
Rügen gefördert. Vor fünf Jahren herrschte auf Rügen
eine Arbeitslosgenquote von 25 Prozent, kaum Ausbildungsplätze,
dafür viel Frust, Gewaltbereitschaft und Fremdenhass.
Die Stiftung RTL finanzierte damals unter der Patenschaft von
RTL-Moderator Geert Müller-Gerbes den Umbau eines stillgelegten
Elektrizitätswerkes in Sassnitz zu einem sozio-kulturellen Zentrum
für die ganze Region - das E-Werk. Jugendliche leisten dort
gemeinnützige Arbeit, absolvieren einen von drei Ausbildungszweigen
(touristisch, kaufmännisch, handwerklich). Sie beräumten 30
Kubikmeter Bauschutt und zwei Tonnen Stahl, bewegten 30 Kubikmeter Erde.
Die Jugendlichen halfen bei Dachsanierung und Heizungs-Installation. Sie
richteten eine komplette Holzwerkstatt im E-Werk ein.
Der Kommentar
von Christian Niemann
Ein Jugendevent, an dem fast 15.000 Jugendliche teilgenommen haben, ein
Reinfall? Für die Jugendlichen sicherlich nicht. Sie hatten drei Tage
lang Party ohne Ende. Aber hat diese Jugend in Mecklenburg - Vorpommern
eine Zukunft? Diese Frage sollte die Großveranstaltung beantworten.
Angesichts der derzeitigen Entwicklung wird es wohl in zwei Jahren kein
weiteres Jugendevent in Prora geben. Ob die Gelder des Spendenmarathon des
Privatsenders RTL zur Realisierung reichen, steht auch in Frage.
Denn das gespendete Geld wird für eine Jugendherberge mit 850 Betten
nicht ausreichen. Angesichts leerer Kassen wird sich entscheiden, ob die
Landesregierung "ihren" Teil zum Defezit beisteuert oder nicht.
Angesichts leerer Kassen wird es schwierig werden eine zweite
Großveranstaltung auf die Beine zu stellen.
Nicht einmal die Eigentumsfrage ist genau geklärt. Das Projekt
"Prora 03" fand auf dem Gelände des
Bundesvermögensamtes statt. Das möchte auch gern Investoren nach
Prora locken.
Von verschiedenen Firmen laufen derzeit auch Projektplanungen für die
Nazi-Bauten. So will die S.E.P.P. Entwicklungsgesellschaft auf dem
Gelände in Prora einen Sport- und Erhohlungspark errichten.
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