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Austritt aus der FDP

Harte Kritik am "Werteverlust" in der Politik

Von Wolfgang Urban

Rügen / M-V.
"Seit langer Zeit habe ich am Samstag bei herrlichem Sonnenschein einen Spaziergang mit meinem Hund Lassy entlang des Kubitzer Boddens gemacht. Mein Gott, dieser herrliche Blick, mal was ganz anderes als am Landesvorstandstisch das Wochenende zu verbringen."

Das sagte Ellen Gudescheit in der vergangenen Woche bei einem Gespräch in ihrer Rambiner Wohnung. "Die ersten Kraniche trompeten über die Wiesen . . .", sagte sie schwärmend und hocherfreut über ihre Selbstbefreiung aus Zwängen, die sie von Jahr zu Jahr immer mehr belastet haben. 1993 wurde die jetzt 42-jährige Rüganerin aktives FDP-Mitglied. Im Jahr 1997 wurde sie stellv. Kreisvorsitzende der FDP und im Frühjahr 1999 sogar stellvertretende Landesvorsitzende der FDP in M-V.

"Endlich frei! Ich habe mich von unangenehmen Landespolitikern getrennt."

Foto : Urban

Am 23. Februar dieses Jahres übergab sie dem Kreisvorsitzenden der FDP-Rügen persönlich ein Schreiben mit folgendem Inhalt: "Ich erkläre hiermit meinen Austritt aus der FDP. Ich bitte . . . um entsprechende Weiterleitung dieser Austrittserklärung an die Landesgeschäftsstelle. Ich bedanke mich für die in der Vergangenheit geleistete Zusammenarbeit. Mit freundlichen aber sehr nachdenklichen Wünschen an Ihre Partei. Ihre Ellen Gudescheit."

Mit sehr "nachdenklichen Wünschen" trat Ellen Gudescheit aus der FDP aus. Was verbirgt sich hinter dieser Formulierung?

Nachdenklichkeit

"Es ist ein Nachdenken über den Zustand der FDP im Land Mecklenburg-Vorpommern und in den neuen Bundesländern", sagte Ellen Gudescheit in der vergangenen Woche bei einem Gespräch in ihrer Rambiner Wohnung.

Dabei betonte sie, dass ihr Austritt keine Kritik an der FDP auf der Insel Rügen ist. "Hier auf Rügen habe ich mich in den Reihen der FDP sauwohl gefühlt. Mein Austritt hat ausschließlich etwas mit der FDP-Situation im Land und im Bund zu tun", erklärte sie in ihrer gewohnt direkten Weise.

"Mit Pornokarriere in den Bundestag?"

Für Ellen Gudescheit heilt der Zweck in der Politik nicht die Mittel. Sie ist in ihrer politischen Entwicklung wertorientiert geblieben und musste daher mit dem in Konflikt geraten, was für sie auf Landesebene einen "Werteverlust" in der FDP darstellt: "Die FDP präsentiert derzeit mit Peter Bond im Land Mecklenburg-Vorpommern einen Direktkandidaten für die Bundestagswahl, der ehemals Pornodarsteller war und danach als Glücksradmoderator bei SAT 1 bekannt wurde."

Diese "Pornokarriere" ist für Ellen Gudescheit nicht nur ganz allgemein ein Makel im Lebensweg des Peter Bond. Vielmehr hat sie in ihrer nun schon fünfjährigen Tätigkeit als ehrenamtlicher Schöffe am Bergener Amtsgericht mehrfach Sexualstraftätern in die Augen sehen müssen. Immer wieder hat sie sich gefragt, wie kann es zu derartigen Straftaten kommen?

Pornografie ist dabei für sie ein Teil jener schmuddeligen Weise des Umgangs mit Sexualität, der die Hemmschwelle für Straftaten senkt. Angesichts des nicht nur von ihr konstatierten "Werteverfalls in der Gesellschaft" ist es für sie einfach nicht zu akzeptieren, dass die FDP nun ausgerechnet mit "einem ehemaligen Pornodarsteller" versucht, im Wahlkampf Aufsehen zu erregen.

Dabei ist für Ellen Gudescheit die Benennung von Bond zum Direktkandidaten der FDP im Bundestagswahlkampf und seine Verankerung auf dem FDP-Listenplatz Nr. 2 in Mecklenburg-Vorpommern nicht die einzige unakzeptable FDP-Entscheidung.

"Wie kann man den Werteverlust bremsen?"

Es erregte Ellen Gudescheit sehr, als sie aus den Medien erfuhr, dass auch die "Pornodarstellerin Dolly Buster der FDP zu Werbezwecken im Wahlkampf dienlich" sein sollte. "Warum auch immer man dies dann wieder zurückgenommen hat, sei dahingestellt, dass man aber überhaupt auf die Idee kam, ist schon irre", sagte sie.

Ellen Gudescheit hat Wertvorstellungen. Mit diesen ging sie in die Politik. Auch nach ihrem FDP-Austritt werde sie nicht unpolitisch sein: "Ich habe zu viel Sch... erlebt", erklärte sie erregt in Rambin und fügte nachdenklich hinzu: "Wie kann man den Werteverlust bremsen, der in der Politik grassiert?"

Für Ellen Gudescheit steht mit ihrer Erfahrung in der Landespolitik fest: "Es mangelt im Land nicht an Berufspolitikern, sondern viel mehr an Politikern aus Berufung, die sich berufen fühlen, einfach für ihre Wähler da zu sein und deren Probleme ernst zu nehmen."

"Undurchsichtige und suspekte Verhaltensweisen"

In harter Weise kritisiert Ellen Gudescheit Politiker, die Politik immer mehr als Medienshow betreiben und dabei vor allem das eigene "Fortkommen auf der Karriereleiter" oder den "Kontostand" vor Augen haben.

Auch seien ihr Verhaltensweisen im geschäftsführenden Landesvorstand der FDP in Mecklenburg-Vorpommern aufgefallen, die ihrer Auffassung nach "undurchsichtig" und "suspekt" waren. Auf Details wollte sie nicht weiter eingehen. "Es komme darauf an", so Ellen Gudescheit, "dass sich all jene zusammenfinden, die mit diesem ganzen Schmutz nichts zu tun haben wollen, sondern in der Politik mit Wertvorstellungen etwas bewegen möchten."

Visionen

"Politische Visionen sind notwendig, die zu grundlegenden Veränderungen und nicht zum Bürokratiestau führen. Ich wünsche mir zum Beispiel, dass Ärzte wieder ihrer Berufung als Arzt nachgehen können und nicht in kassenärztlichem Schreibkram ersticken. Die Politik muss Wege für ein grundlegend besseres Funktionieren der Gesellschaft ebnen und nicht immer nur mit ihren Beschlüssen an der Oberfläche herumdoktern.

Es ist für mich auch unsinnig, dass in der Landwirtschaft die Stilllegung von Flächen, und damit das Nichtstun honoriert wird und die Bauern mit immer mehr bürokratischen Festlegungen aus Brüssel konfrontiert werden..." Im Gespräch fuhr Ellen Gudescheit fort mit all dem, was sie als so unsinnig empfindet und worüber sie das politische Nachdenken nicht aufgegeben hat.

Die Blauäugigkeit vom Anfang der 90er-Jahre verloren

Politik wird wohl auch weiter im Leben von Ellen Gudescheit vorkommen, aber eben in einer neuen Weise. Wohin sie führt, ist offen. Nur eines ist sicher, sie hat ihre Blauäugigkeit verloren, mit der sie am Anfang der 90er Jahre in die Politik ging.

Nicht auf Diäten angewiesen...

Ellen Gudescheit ist politisch erwachsen geworden, und daher skeptisch gegenüber so manch einer "Alternative", die jetzt zu den etablierten Parteien präsentiert wird. Sie befindet sich noch in der Situation einer Nachdenklichkeit, die auf vielen Erfahrungen beruht.

Dabei geht es ihr nicht so wie manch einem Berufspolitiker, der nichts mehr ist, wenn er nicht mehr politisch tätig ist. Sie ist berufstätig, geht beim Zoll ihrer Arbeit nach, ist also auf Diäten nicht angewiesen. Sie kann auch außerhalb von Parteien weiter "einfach nur" politisch aktiv sein.


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