DER RÜGANER - DIE ZEITUNG FÜR DIE INSEL

Exklusiv-Interview mit Professor Dr. Hämer von S.T.E.R.N.

"Prora kann Rügen sogar entlasten"

Der Rüganer:
Herr Professor Hämer, Sie sind Jahrgang 1922. Als Prora gebaut wurde, waren Sie 16 Jahre alt. Sie waren für den GröFaz im Krieg, haben dabei ein Auge eingebüßt. Welchen Einfluß hat dieser Umstand auf Sie beim Umgang mit dem Denkmal Prora?

Professor Hämer:
Ich bin der Meinung, daß wir nicht vergessen dürfen, was damals an Größenwahn Schaden angerichtet hat in der ganzen Welt, ausgehend von von Deutschland. Zu dieser Zeit gehört 1936 als Jahr der Olympiade in Berlin. 1936 wurde Prora geplant, gleichzeitig mit dem Eröffnen einer erweiterten Urlaubsmöglichkeit für weniger Begüterte in vielen europäischen Ländern, das heißt KdF-Bad Prora war nur eine Erscheinung einer europaweiten Entwicklung, daß auch der arbeitenden Bevölkerung damals erstmalig ein Urlaub zugestanden wurde, um die Produktivität zu steigern, das hat man damals nicht nur in Deutschland, das hat man ringsherum erkannt, insofern ist Prora zweierlei: einmal ein Zeichen für eine veränderte Auffassung von Urlaub für die ganze Bevölkerung und zum zweiten die Interpretation durch das Dritte Reich für diese europaweite neue Entwicklung. Und insofern ist dieses Prora auch heute doppelt zu sehen: einmal als ein erweitertes Urlaubsfeld und zum anderen als Denkmal, das auch als solches erkennbar bleiben soll, auch nach den Beschlüssen des Landes, so daß in Prora die mehrfache Aufgabe besteht, eine Nutzung an diesem schönsten Strand für Urlauber zu ermöglichen und andererseits für nachdenkliche Menschen erkennbar bleiben zu lassen, mit welcher großspurigen Geste im Dritten Reich gearbeitet wurde.

Der Rüganer:
Ein Denkmal also auf jeden Fall?

Professor Hämer:
Ich bin der Meinung, daß wir heute die Möglichkeit haben, in unserer ganz anderen Gesellschaftsform den Triumph der Demokratie über Formen der Diktatur, wie ich sie noch persönlich kennengelernt habe, zu dokumentieren, so daß für mich Prora die Möglichkeit bietet, in dieser Vielschichtigkeit das Heute - und hinter dem Heute noch erkennbar - das was gestern in der NVA-Zeit und was vorgestern in der NS-Zeit hier einmal angedacht war, bewußt werden zu lassen. Und diese dreifache Erkennbarkeit ist etwas schwieriger. Wäre Prora ein 600 Jahre altes Gebäude, würde uns die Denkmalfrage sehr viel leichter fallen als bei diesem 60 Jahre alten Gebäude.

Der Rüganer:
Der Auftrag von S.T.E.R.N. lautet: "Ziel ist die Erreichung eines Konsens mit den zuständigen Gebietskörperschaften in enger Abstimmung mit diesen, den Fachbehörden sowie mit sonstigen Institutionen oder Initiativen, die auf Rügen meinungsbildend tätig sind, um die Nutzungsalternativen für Prora auf ihre planerische, wirtschaftliche und politische Machbarkeit hin zu überprüfen und zu einer Präferenzalternative zu kommen." Sie haben beim Auftakt im Mai eine Arbeitsvereinbarung mit den Mitgliedern des Forums geschlossen. Im 1. Forum sind die Wünsche der Gemeinde bearbeitet worden, im 2. Forum die der Kreisspitze. Was passiert im 3. Forum? Ziehen Sie das weiße Kaninchen aus dem Zylinder oder erst Anfang Dezember?

Professor Hämer:
Es gibt keine weißen Kaninchen in Prora. Es gibt für ganz Prora ganz unterschiedliche Ansprüche. Die Vorstellungen reichen von "Abriß" bis totales "Denkmal". Wir haben all diese Vorstellungen in Denkmodellen gemeinsam diskutiert und wir haben, dem Auftrag entsprechend, nach dem Erörtern dieser sehr unterschiedlichen Denkmodelle versucht, aus diesen eine Optimierung, also eine möglichst verträgliche Lösung für die verschiedensten vertretenen Interessen, wobei das Forum ja nur ein Ausdruck für die Interessen ist, die weit darüber hinaus im Lande und auf der Insel an Prora gestellt sind, Interessen und €ngste, und wir haben versucht, eine möglichst hohe Verträglichkeit, insbesondere für die Insel Rügen zu erreichen.
Und zwar weil Prora für eine Kommune allein viel zu groß, für Rügen wahrscheinlich auch sehr groß ist, zu groß ist, so daß Binz und Rügen Unterstützung brauchen durch das Land und den Bund, dem ja zur Zeit diese Liegenschaft gehört. Und wir meinen, daß wir auf dem nächsten Forum unserem Auftrag entsprechend ein aus verschiedenen Anforderungen an Prora in den unterschiedlichen Denkmodellen zusammengesetztes Denkmodell "Prora für Rügen" vorstellen werden, in Auswertung der verschiedenen Denkmodelle.

Der Rüganer:
Hört sich ganz einfach an.

Professor Hämer:
Dies klingt vielleicht etwas profan, denn alle Vorschläge, die in diesem "Prora für Rügen" enthalten sein werden, sind in irgendeiner Form während dieses letzten dreiviertel Jahres an irgendeiner Stelle benannt oder die verschiedenen Befürchtungen, Zerstörung der Natur, sind immer wieder vorgetragen worden. Wir haben also versucht, die Natur auf Rügen insgesamt dadurch zu schützen, daß wir auch in Prora eine dem Naturschutz gerechte, dem Denkmalschutz gerechte und der Nutzungsanforderung in gemischter Form gerechte Lösung vorschlagen. Diese Lösung als ein Endstadium für den Umbau und den Wiedernutzbarmachungsausbau in Prora wird eine Zeit dauern. Aber es wird andererseits eine Reihe von Maßnahmen geben, die sehr bald in Gang gesetzt werden, wie das Wohnen zur Entlastung für Binz, oder ich denke aber auch, daß Hotelnutzungen sehr bald in Gang gesetzt werden, so daß ein Beginn sehr früh zu erwarten ist.
Andererseits werden sich manche Dinge noch im Laufe der Zeit erst präzise entwickeln müssen. Alle Wünsche, die von der Gemeinde Binz vorgetragen sind, sind hier als Nutzung berücksichtigt. Ebenso sind Möglichkeiten weiterer Angebote , die zum Teil auch auf der Insel mit mehreren vorbesprochen sind als Möglichkeit eröffnet. Wir hoffen ein hohes Maß an Zustimmung, wenn möglich einen Konsens im Forum für diese Art von Nutzung zu erhalten.

Der Rüganer:
Eine der größten Sorgen der Rüganer sind die Arbeitsplätze. Was wird aus dem Gewerbe in Prora, z.B. dem Strandhotel, der Jugendherberge, dem Gewerbehof oder dem Gewerbegebiet 2?

Professor Hämer: Wir denken, es müßte möglich gemacht werden, daß die vorhandenen Arbeitsplätze nicht bedroht werden. Allerdings ist damit zu rechnen, wenn ein Hotel umgebaut wird, daß für eine gewisse Zeit das Personal dort keine Arbeit findet. dafür gibt es aber später diese Möglichkeit wieder. Bei den Gewerbestandorten sind wir der Meinung, daß sie belassen bzw. zusammengelegt werden und die Gewerbestandorte eine höhere Sicherung ihres Verbleibens an der Stelle, an der sie sitzen oder vielleicht nebenan erhalten sollten. So haben sie entweder durch Pacht oder durch Kauf ihrer Grundstücke ein höheres Maß an Sicherung für ihre Betriebe. Diese Sicherung wird nicht möglich sein für die ABM-Arbeitsplätze. Diese werden ja voraussichtlich durch die Gesetzgebung bzw. die Förderung des Bundes insgesamt stärker abgebaut werden.

Der Rüganer: Es gibt auch Ängste vor der Konkurrenz, die aus Prora besonders für die junge aufstrebende Tourismusbranche droht. Wieviel Betten kommen denn aus Prora zu den auf Rügen vorhandenen 45.000 und den weiter geplanten 17.000 dazu?

Professor Hämer:
Die geplanten 17.000 sind meines Wissens noch nicht alle genehmigt. Es ist die Frage, inwieweit nicht sogar Prora dazu beitragen kann, zu verhindern, daß die Landschaft auf Rügen nicht noch mit mehr Feriendörfern zugestellt wird. Insofern kann ich mir sogar vorstellen, daß Prora eine Entlastung für Rügen darstellt und weil ein Besuch Proras, der mit der Eisenbahn möglich ist und daher eine Entlastung für den Verkehr mit sich bringt, wenn hier anstelle anderer Orte auf der Insel eine gewisse Nutzung für Besucher oder für Urlauber eingerichtet werden. Wieviel Betten hier entstehen, kann ich nicht sagen. Man muß aber unterscheiden, welche Art von Betten; reine Tourismusbetten dürften nach den Beschlüssen der Gemeinde und des Kreises in der Größenordnung von etwa 2.000 anzunehmen sein.

Der Rüganer:
Gibt es auf der bundeseigenen Liegenschaft Bug (Dranske) auch einen touristischen Schwerpunkt mit 2.000 Betten, wie dort im Flächennutzungsplan vorgesehen, oder ein diskursives Verfahren?

Professor Hämer: Das müssen Sie die OFD fragen.

Der Rüganer:
Der Binzer Bürgermeister Professor Reinhardt verspricht den Binzern 320 Wohnungen in Prora. Zu diesem Zweck hat es eine Ausschreibung durch die TLG für den südlichen Block 2 gegeben. Diese Ausschreibung unterliegt einem Moratorium bis zum 3. Forum. Was passiert dann? Wann gibt es Wohnungen?

Professor Hämer:
Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß auf dem 3. Forum Konsens hinsichtlich der Vergabe von Teilen der Prora-Liegenschaft erzielt werden kann. Ich kann dies aber nicht mit Gewißheit vorraussagen, weil das von der Abstimmung im Forum abhängt.

Der Rüganer:
Für Prora gibt es einen sogenannten Ampel-Plan der Naturschützer. Rot heißt Schutz, gelb heißt vielleicht und grün heißt: Kann gebaut werden. Der enthält viele rote Flächen mit zu schützenden Biotopen auf dem Gelände. was wird aus diesen Flächen, wenn dort weiter gebaut wird? Bauleute nehmen auf so was bekanntlich nicht viel Rücksicht.

Professor Hämer:
Es gibt eine Agenda 21 für Rügen. In dieser Agenda 21 wird nachhaltiger Schutz der Natur angestrebt. Diesem nachhaltigen Schutz der Natur möchten Prora für ganz Rügen dienen. Und natürlich möchte das Konzept für die weitere Entwicklung in Prora auch darauf Rücksicht nehmen. Wir denken, daß wir nicht mehr Flächen versiegeln sollten als bisher versiegelt sind. Wenn neue Flächen in minimalem Umfang versiegelt werden sollten, dann müßten andere versiegelte Flächen der Natur zurückgegeben werden.
Rügen lebt von seiner phantastischen Natur. Daher wollen wir alles tun, bei diesem Konzept auch in Prora die Nutzungen auf versiegelte Flächen zu legen und nur in sinnvollen Ausnahmefällen besagten Tausch vorzunehmen. Nach dem Denkmodell "Prora für Rügen" ist gegenüber anderen Modellen ein Maximum an naturbelassener Fläche vorgesehen.

Der Rüganer:
Wenn Prora touristisch genutzt wird, gibt es Sorgen, daß angrenzende Naturschutzgebiete niedergetrampelt werden, wie kann dem begegnet werden?

Professor Hämer:
Dafür sollte es, ähnlich wie wie für Ruinen, Konzepte geben, die das Benutzen und das Schützen der Natur in einem sinnvollen Nebeneinander möglich machen sollten.
Selbstverständlich kann man so etwas durch ein gezeichnetes Konzept nicht organisieren. Es ist eine ganz wesentliche Frage des späteren Umgangs, wie das dann in Prora von der Gemeinde, dem Kreis und von Rügen insgesamt organisiert werden kann.

Der Rüganer:
Es geht das Gerücht, daß Sie mit Herrn Plattes Bier trinken und mit der Landesbank Berlin als Mitgesellschafter bei S.T.E.R.N. und bei Plattes Firma ADL, die den Dünenpark gebaut hat, das Spiel Prora schon abgekartet haben. Was ist dran?

Professor Hämer:
Ich bin froh, daß Sie mich das fragen. Nichts ist dran. Unser Mitgesellschafter, die Landesbank Berlin, nimmt auf die Inhalte unserer Arbeit in keiner Weise Einfluß, insbesondere nicht auf Rügen. Das sind zwei ganz unterschiedliche Vorgänge. Zudem wäre die Bank auch nicht gut beraten, wenn sie darauf Einfluß nehmen sollte. Dann müßte sie ja ein ganz präzises Interesse an Prora haben. Und soweit ich das erfahren habe, hat unser Mitgesellschafter an Prora kein Interesse.

Der Rüganer:
Nach dem 3. Forum, Dienstag 5. November 1996, gibt es um 19 Uhr einen öffentlichen Abend im Strandhotel Prora. Was können die Bürger dort erfahren?

Professor Hämer:
An diesem Abend wird all das, was ich jetzt gar nicht sagen kann, weil es nicht entschieden ist, öffentlich vorgetragen werden. Also die Meinung die Forums zu den bis dahin gediehenen Beurteilungen der Vorschläge, die wir dann auf dem 3. Forum gemacht haben.

Der Rüganer:
Professor Hämer, wir danken für dieses Gespräch.

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