D I E   Z E I T U N G   F Ü R   D I E   I N S E L

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Wunder des Lebens

Die Verwandlung eines Hobbies in einen Arbeitsplatz

Von Wolfgang Urban

Bobbin.
An das Datum 1.1.1992 erinnert sich Hannelore Görz aus Sagard noch ganz genau. Das war ihr erster Tag der Arbeitslosigkeit. Seit 1964 hatte sie ununterbrochen im Fischfang Sassnitz gearbeitet und jetzt das: Mit 44 Jahren arbeitslos! Fast 11 Jahre lang folgte immer wieder der Wechsel von Weiterbildung, Umschulung, ABM, Arbeitslosigkeit. "Ich habe dann schließlich nicht mehr mit einer Arbeitsstelle gerechnet", sagt Hannelore Görz.

Hannelore Görz am Spinnrad im Bobbiner Hofladen.

Foto: Urban

Doch plötzlich ereignete sich eine jener Geschichten, die das Leben in manchmal wundersamer Weise schreibt. Hannelore Görz hatte wieder einmal eine ABM-Stelle bekommen. Dieses Mal arbeitete die gelernte Stenotypistin im Rahmen einer ABM im Spinnrad e.V. in Sassnitz. Die Suche nach Wolle führte sie nach Bobbin.

"Der Zufall ist der größte Verbündete Gottes!"
Geschichten vom wundersamen Lebensweg der Hannelore Görz
und des Pastors Klaus Buyel


Von Wolfgang Urban
Bobbin. Als Hannelore Görz auf der Suche nach Schafwolle war, hörte sie: "In Bobbin gibt es Schafe!" Da die Bobbiner aber keinen Absatz für deren Wolle hatten, häufte sich diese in Säcken. Diese wurden zum Geschenk für Hannelore Görz. Sie hatte inzwischen einen solchen Spaß an der Arbeit am Spinnrad, das es zu ihrem Hobby wurde. In wundersamer Weise entstand daraus in Bobbin sogar eine Berufsperspektive.

Hof-Projekt eröffnet neue Perspektiven

In Bobbin stand fest, dass man nicht endlos Schafwolle horten wollte, sondern diese auch sinnvoll verwendet werden sollte. Es gab das Projekt des Wiederaufbaus des alten Pfarrhofes und seiner perspektivischen Sicherung durch vielseitige Nutzung. In diesem Zusammenhang war nicht nur ein Hofladen, sondern auch die Ansiedlung von ländlichem Handwerk vorgesehen. Hannelore Görz erfuhr, dass es hier eine Arbeitsplatzchance für sie gibt.

Tatsächlich kam es unmittelbar nach Fertigstellung des ersten Teilabschnittes beim Umbau des alten Rinderstalls auf dem Pfarrhof Bobbin zu einem Anstellungsverhältnis. Das "55 + Programm" machte dies möglich. Dieses Programm ermöglicht die Einstellung von älteren Arbeitnehmern bis zum Erreichen des Rentenalters, wenn es dafür Projekte von Kommunen, Kirchengemeinden oder ge-meinnützigen Vereinen gibt. Hannelore Görz wurde von der Kirchengemeinde Bobbin eingestellt, um das Spinnhandwerk wieder zu beleben.

Zufällig gerade beim Gespräch mit Hannelore Görz im Bobbiner Hofladen: Pfarrer Klaus Buyel. Er brachte Kaffee von Kleinbauern aus Burundi in Zentralafrika. Mehr dazu im Artikel.

Foto: (ur)

Dazu gehören Kurse am Spinnrad, der gesamte Prozess der Wollverarbeitung vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt. So ist Hannelore Görz seit Ostern 2002 im neu eröffneten Hofladen in Bobbin anzutreffen. Hier können auch ihre Produkte käuflich erworben werden. Dazu zählen Strümpfe, Hüttenschuhe (Socken mit verstärkten Sohlen), Pullover, Mützen u.a.m.

Doch um ein Missverständnis zu vermeiden, hier geht es um mehr als die Herstellung und den Verkauf von Produkten. Durch die gemeinsame Arbeit am Spinnrad, Klönabende im Hofladen und andere Aktivitäten soll die Kommunikation im ländlichen Raum gestärkt werden. Es geht also um die Wiederbelebung traditioneller sozialer Kontakte und dörflichen Zusammenhalt, wie er auch im Rahmen von Hoffesten gestärkt werden soll.

Das ordnet sich ein in das Gesamtkonzept des Hofes Bobbin. Hier hat man u.a. auch mit der Anpflanzung von alten Obstsorten begonnen. Genreserven sollen so geschaffen und das Aussterben lokal typischer Obstsorten verhindert werden. Dabei wird eine Vernetzung der nachhaltig arbeitenden Betriebe auf Rügen angestrebt. Erste Erfolge gab es bereits in der Zusammenarbeit mit dem "Obstparadies Rolker" aus Altkamp.

So kann der Hofladen in Bobbin - obwohl die eigenen Obstbäume noch nicht soweit sind bzw. noch nicht ausreichend tragen - u.a. zurzeit "Apfelchips" von der Insel Rügen "ohne Zuckerzusatz, ohne Aromastoffe, ungeschwefelt..." anbieten. "Die Herstellungsweise ist wie bei den Apfelringen von Oma. Nur, dass die Chips (Apfelscheiben) im Trockenschrank richtig knusprig werden und so ein gesundes Naschen ermöglichen."

Im Laden anzutreffen sind auch Äpfelkisten mit dem Etikett "Biopark - Anbau EG-Kontrollnummer... erzeugt nach den Richtlinien des Verbandes BIOPARK e.V. und unter Kontrolle des Fachverein Öko-Kontrolle e.V...." Die Kontakte der Bobbiner reichen inzwischen sogar bis nach Burundi, also ins ehemalige Deutsch-Ostafrika.

So findet man im Hofladen Bobbin auch "Arabica-Kaffee". Man kann ihn hier von der Bohne bis zum fertigen Kaffee bekommen. Auch das ist wieder eine jener wundersamen Geschichten, die das Leben dank aktiver Menschen schreibt.

Wie Kaffeesamen aus Burundi nach Bobbin gelangten

Beim Gespräch mit Hannelore Görz war im Bobbiner Hofladen durch einen Zufall auch Pfarrer Klaus Buyel anwesend. Er brachte gerade Kaffee aus Burundi. Seit fünf Jahren ist Pfarrer Buyel Kurgast auf Rügen. Das heißt in seinem Fall, er ist privat untergebracht und genießt die Kuranwendungen in einer Einrichtung in Binz.

Im Alltag ist er Gemeindepfarrer in Wegberg, im äußersten Westen der Bundesrepublik, gleich an der niederländischen Grenze. Zuvor war er sechs Jahre verantwortlich für den Aufbau eines Schulbauernhofes in Burundi. Es ging darum, eine Einrichtung zu schaffen, die als Bauernhof ein Gymnasium finanzieren kann. Auf diesem Hof wird auch Kaffee angebaut.

Seit seiner Rückkehr aus Burundi organisiert Pfarrer Buyel jedes Jahr einen einmonatigen Arbeitseinsatz in Burundi, an dem er auch selber teilnimmt. Dabei kauft er Rohkaffee der Kleinbauern auf, um ihn in Deutschland zu vermarkten. Auch den dabei erzielten Erlös aus dem Kaffeeverkauf bekommen die Kaffeebauern in Burundi beim nächsten Besuch. So erhalten sie in der Regel den doppelten Preis für ihren Kaffee.

Der Pfarrer ist also kein Händler im üblichen Sinne des Wortes. Vielmehr arbeitet er rein ehrenamtlich. Nur durch dieses Engagement erzielen die Bauern in Burundi in der Regel gegenüber dem üblichen Aufkaufpreis ihres Kaffees den doppelten Preis. "Meine Absicht ist es", so der Pfarrer, "dass die Bauern einen gerechteren Preis für ihre Produkte bekommen."

Der Verkauf im Bobbiner Hofladen hilft dabei. Und wie kam der Pfarrer von der niederländischen Grenze ausgerechnet nach Bobbin. Dazu er selbst mit einem Lachen: "Der Zufall ist der größte Verbündete Gottes." In diesem Fall wurde der Pfarrer beim Segeln auf dem Jasmunder Bodden auf das Bobbiner Hofladenprojekt aufmerksam gemacht.

Jetzt ist er neugierig, ob Rügen evtl. zur Kaffeeinsel wird, denn er brachte auch Kaffeesamen aus Burundi mit nach Bobbin. Ein kleines Zettelchen verkündet: "1 bis 2 Tage in Wasser legen, dann in den Blumentopf einpflanzen. Warmes Zimmer. Keimzeit: 4 Monate" Weitere Infos im Hofladen Bobbin.


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