Brandstiftung mit spekulationsreichem Hintergrund
Nur mit dem Boot oder auf dem schwer passierbaren Weg von Banzelvitz kommt
das "Robbie-Filmteam" zum Liddower Drehort
Von Wolfgang Urban
Liddow.
Wilde Spekulationen kursierten sofort, als in der vergangenen
Woche die Brücke zur Halbinsel Liddow in Brand geriet. Kein Wunder,
denn schon bald stand fest, dass Brandstiftung die Brandursache ist. Dass
sofort verschiedenste Vermutungen geäußert wurden, ist fast
selbstverständlich, denn seit über einem Jahr befindet sich die
Brücke im Spannungsfeld von Auseinandersetzungen.
Brand entscheidet den Sieg in der Auseinandersetzung?
Hat jetzt eine der Seiten in den langwierigen Auseinandersetzungen in der
Gemeinde Neuenkirchen auf besonders "heiße Weise" und mit
verkohlten Brückenresten den Kampf für sich entschieden?
Ganz im Sinne dieser Frage wurde unter Einbeziehung von Personennamen
unmittelbar nach dem Brand kräftig spekuliert.
Je geringer dabei das Wissen um die jüngste Entwicklung der
Neuenkirchener Kommunalpolitik war, um so eindeutiger war die Hitliste der
vermuteten Brandstifter. Doch wie so oft im Leben verschwindet mit mehr
Wissen über Hintergründe und Entwicklungen auch die so bequeme
Eindeutigkeit bei der Beantwortung von Fragen.
Schon seit Jahren stand fest, dass die jetzt abgebrannte Brücke durch
einen Brückenneubau ersetzt werden sollte. Unbeantwortet war eine
lange Zeit "lediglich" die Frage, woher die Gemeinde Neuenkirchen
das dafür notwendige Geld nehmen sollte.
Alles schien in eine vollkommene Sackgasse gelaufen zu sein, als am 28.
März 2001 die damalige Landrätin Dr. Karin Timmel inmitten der
turbulenten Auseinandersetzungen um die Genehmigung für die ZDF-Serie
"Robbie" vier Neuenkirchener Gemeindevertreter wegen ihrer
"falsch verstandenen Abwehrhaltung" kritisierte.
Dadurch sei "ein materieller Schaden von ca. einer Million Mark, die
an Produktionskosten in der Gemeinde Neuenkirchen verblieben wären,
und der Verlust von Fördermitteln für den Ausbau der
Brückenanbindung zur Gutshofanlage" Liddow verursacht worden.
"Denn die Dreharbeiten hätten fördermittelrechtlich zur
massiven Entwicklung im ländlichen Raum beigetragen." Wer wollte
schon den Verzicht auf die Million und den Verlust der Fördermittel
für die Brücke nach Liddow?
Die Zeit der großen Verheißungen
Kurz nach dem 28. März 2001 wurden dann die Weichen in Richtung einer
"verheißungsvollen Millionenzukunft" für Neuenkirchen
gestellt. Unter massiver und rechtsstaatlich zumindest zweifelhafter
Ausnutzung der Möglichkeiten der Unteren Rechtsaufsichtsbehörde
wurden die Neuenkirchener Bürgermeisterin Ute Arndt und
Gemeindevertreter Arnim Arndt zeitweise entmachtet.
So entstand bei den Abstimmungen über die Drehgenehmigung für
"Robbie" ein neues Stimmenverhältnis in der Neuenkirchener
Gemeindevertretung. Eine Drehgenehmigung in jenem Umfang, der vom
Rügener Landratsamt und der Schweriner Landesregierung
unterstützt wurde, war die Folge dieses Eingriffs von
"oben".
Fördergelder, die viel eigenes Geld erfordern
Doch dann kam in Neuenkirchen die Ernüchterung. Viele glaubten z.B.
den vollmundigen Worten des Abgesandten aus dem Schweriner Machtapparat der
Landesregierung, als er im überfüllten großen Saal des
Gasthofes von Neuenkirchen das Interesse der Landesregierung an den
"Robbie"-Dreharbeiten verkündete und auch für die
Brücke Hilfe versprach.
Viele in Neuenkirchen wurden indes schon bald sehr nachdenklich, als ihnen
bewusst wurde, dass man zwar in Schwerin Fördergelder für eine
neue Brücke nach Liddow bereitstellen wollte, aber die Gemeinde diese
nur in Anspruch nehmen kann, wenn sie einen erheblichen Eigenanteil
dafür erbringt. So manch eine Hilfe können sich die Armen aber
nun einmal nicht oder kaum leisten, wenn ihnen verkündet wird, dass
sie viel Geld brauchen, um noch viel mehr Geld zu erhalten.
Da waren problematische Zeiten wieder einmal vorherprogrammiert und nur die
Blauäugigen bekamen keine Bauchschmerzen, als eine Pressemitteilung
des Landratsamtes Rügen am 15. Oktober 2001 verkündete:
"Voraussichtlich im Februar 2002 wird der Startschuss für den Bau
der neuen Liddower Brücke fallen.
EU, Bund und Land fördern das Vorhaben, das einen Investitionsumfang
von mehr als 1 Mio DM hat, zu 80 Prozent. Mecklenburg-Vorpommerns
Landwirtschaftsminister... und der 1. Beigeordnete des Landkreises
Rügen... werden am ... 19. Oktober 2001... am Standort Liddower
Brücke den Zuwendungsbescheid in Höhe von 850.400 DM an Ute
Arndt, Bürgermeisterin der Gemeinde Neuenkirchen,
übergeben." Doch wo sollte die Gemeinde jetzt die Eigenmittel
hernehmen? Wer sollte kein Geld bekommen, damit die Brücke gebaut
werden kann?
Brandstiftung trotz Problemlösung?
Vor diesem Hintergrund gab es komplizierte Probleme und lange
Auseinandersetzungen bei der Erarbeitung eines mehrheitsfähigen
Haushaltsplanes der Gemeinde Neuenkirchen. Dabei kam es auch zu der
Unterstellung, dass einige Gemeindevertreter die neue Brücke nach
Liddow gar nicht wollen. Was wiederum aus deren Sicht - wenn man sich
ernsthaft mit deren Vorstellungen zur Entwicklung von Liddow befasst - ein
Eigentor wäre.
Und wer schießt sich ein solches Tor schon absichtlich? Haushaltsplan
und Haushaltssatzung der Gemeinde Neuenkirchen für das Jahr 2002
konnten schließlich am 19. April 2002 beschlossen werden und das
sogar einstimmig. "Damit ist auch der Weg zum Erhalt von
Fördermitteln für den Neubau der Brücke nach Liddow
frei", sagte damals erleichtert Bürgermeisterin Ute Arndt.
Warum sollte bei dieser Problemlösung noch jemand Interesse an einem
Abfackeln der Brücke haben, der in die kommunalpolitischen
Auseinandersetzungen in Neuenkirchen involviert ist? Es macht keinen Sinn,
mit einem Brand den Neubau einer Brücke erzwingen zu wollen, wenn
dieser eine beschlossene Tatsache ist!
Pyromanentum und andere Motive
So verbleibt wohl Pyromanentum als Motiv. Oder steckt doch noch mehr
dahinter? Was ist mit jenen, die desillusioniert über Versprechen aus
dem Jahr 2001 sind? Schaut vielleicht jemand nicht nur voller Neid auf den
kleinen Kreis derer, die jetzt das "Robbie-Geld" kassieren?
Oder hat jemand seinen Frust über die "Robbie-Traumwelt"
und seine eigene Wirklichkeit mittels Brandstiftung abgelassen? Erfreut
sich jetzt vielleicht einfach nur jemand daran, dass er dem ganzen
"Robbie-Zirkus" zumindest den Zugang nach Liddow erschweren
konnte? Vielleicht wissen Sie mehr. Wenn ja, dann rufen Sie doch einfach
an: Tel. 0171/4162757.
|